Die Bibel lesen, anschauen und hören

Mit einer eindrücklichen Auftaktveranstaltung startete die einwöchige Bibelausstellung in der Baslerhofscheune in Bettingen.

Michèle Faller, Riehener Zeitung

«Dieses Buch ist in mehr Sprachen übersetzt worden als jedes andere. Es ist weiter verbreitet als jedes andere. Viele haben angefangen es zu lesen, wenige haben es geschafft.» Pfarrer Stefan Fischer, der das Publikum in der Baslerhofscheune zur Ausstellungseröffnung begrüsst, spricht von der Bibel. Trotz der vielen Seiten und der fremden Sprache sei die Bibel für viele so wichtig wie das tägliche Brot. Insofern passe es gut, dass man eher in der Bibel lese als die Bibel zu lesen. Man esse ja auch nicht einen ganzen Laib Brot auf einmal. «Und man hat immer wieder etwas zu kauen.»

Die am Samstag in Bettingen eröffnete Ausstellung heisst «Die Bibel fürs Volk» und wurde von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde, der Basler Bibelgesellschaft, dem Diakonissen-Mutterhaus St. Chrischona und der Stiftung Pro Biblia organisiert. Der Titel deutet bereits an, dass es um die Reformationszeit geht, als die Bibel auf Deutsch übersetzt wurde und daher viele Leser fand, die nicht mehr zwingend des Hebräischen, Aramäischen oder Griechischen mächtig sein mussten.

Sehenswerter Rundgang
Um allfälligen Verwirrungen vorzubeugen, ob denn das Jubiläumsjahr nicht bereits vorbei sei, erklärte Fischer, dass Luther seine Thesen ja erst im Oktober 1517 anschlug, weshalb das Reformationsjahr im Prinzip erst begonnen habe. Nach einem kurzen Grusswort von Gemeindepräsident Patrick Götsch konnte die Ausstellung erkundet werden. Der so interessante wie sehenswerte Rundgang startet bei den Grundlagen der Überlieferung, wo Pergament, Papyrus und Wachstafeln sowie Federkiele zu sehen sind, die auf die erste Zeit verweisen, als die Bibel nicht mehr mündlich überliefert wurde. Weiter erfährt man, wie Mönche im Mittelalter die Bibel von Hand vervielfältigten und wie dank Johannes Gutenberg zwischen 1452 und 1454 die ersten Bibeln gedruckt wurden – ein Faksimile einer Seite aus der Gutenbergbibel lässt einen in die Vergangenheit abtauchen.

Martin Luther übersetzt auf der Wartburg 1521 das Neue Testament auf Deutsch – mit Blick
auf Bettingen. Foto: Michèle Faller

Etwas fürs Auge sind die mit Puppen nachgestellten Szenen, die zeigen, wie Martin Luther auf der Wartburg 1521 das Neue Testament auf Deutsch übersetzte. Aus dem Ausstellungsführer erfährt man, dass Luthers Neues Testament schon 1522 auf der Herbstmesse in Leipzig verkauft wurde. Die Nachfrage war so gross, dass bereits im Dezember eine zweite Auflage gedruckt wurde. Weiter erfährt man, dass Luthers Bibel im alemannischen Sprachraum kaum verstanden wurde. Abhilfe schaffte ein Glossar, das der Basler Drucker Adam Petri seinem 1523 erstellten Nachdruck beilegte. Daraus erfuhr der geneigte Leser, dass Luthers «Anbiss» nichts anderes als das «Morgenessen» war.

Bibellesen mit dem Mikroskop
Auch selber Hand anlegen ist möglich. Etwa beim wortwörtlichen Aufschlagen einer Bibel, beim Lesen in der kleinsten Bibel der Welt – mit dem Mikroskop – und beim Blättern in den verschiedensten Bibelausgaben von der Salvador-Dalí-Bibel bis zur Polizeibibel und diversen illustrierten Bibeln. Auch Exponate, die darauf verweisen, dass die Bibel nicht immer und überall erlaubte Lektüre war, sowie diverse verfilmte Bibelgeschichten sind zu bestaunen. In etwa 70 Sprachen und Dialekte übersetzte Bibeln, Kinderbibeln und eine Vitrine mit Leihgaben aus Riehen und Bettingen runden die Ausstellung ab.

Schauspieler Adrian Furrer las fast drei Stunden lang das gesamte Markus-Evangelium, begleitet
von Akkordeonist Philipp Neukom. Foto: Philippe Jaquet

Inzwischen hatte sich die Baslerhofscheune noch mehr gefüllt und Friedhelm Geiss vom Diakonissen-Mutterhaus St. Chrischona führte in die Auftaktveranstaltung – eine musikalische Lesung des gesamten Markus-Evangeliums – ein: «Gottes Wort, Stimme und Sprache gehören zusammen.» Wenn das keine Legitimation für eine knapp dreistündige Bibellesung ist! Bei gedämpftem Licht begann Schauspieler Adrian Furrer mit seiner wohlklingenden Stimme zu lesen, grossartig begleitet von Akkordeonist Philipp Neukom. Wenn sich auch die Sitzreihen nach der Pause deutlich gelichtet hatten: Wer bis am Schluss ausharrte, wurde mit einer eindrücklichen Lesung belohnt – und kann nun von sich behaupten, wenigstens eines der Evangelien von A bis Z konsumiert zu haben.